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Till Janotte berichtet aus Tansania: Von Integration

Aktuell

Till Janotte aus Wirges macht derzeit Freiwilligendienst über das Kolpingwerk in Tansania. Gabi Weber unterstützt ihn dabei, dafür lässt uns Till regelmäßig an seinen Erlebnissen in einer völlig anderen Welt teilhaben. Hier sein nächster Bericht:

Ich: Heißt Integration denn dass man sein kulturelles Erbe aus dem Heimatland aufgeben muss um zum „kompletten“ Einwohner seiner neuen Region oder Heimat zu werden?
Aline: Wenn du Leute aus der CDU fragst, ja.

Ich bin jetzt seit bald 10 Monaten in Tansania und stelle mir die Frage: Bin ich als Ausländer gut integriert? Um das zu beantworten möchte ich mehrere Themen betrachten: Kommunikation, mein Status als Weißer, Privilegien, Kultur und Erschwerungen.

In Tansania wird als Amtssprache Kisuaheli gesprochen, eine Bantu Sprache. Allerdings gibt es in jeder Ethnie (von denen es in Tansania über 100 gibt) eine eigene Sprache, hier in Kagera wird vor allem Kihaya gesprochen, in den Usambara Bergen Kisambaa.

Ich spreche inzwischen vernünftiges Suaheli, ich kann mich grundlegend verständigen und zum Beispiel einkaufen gehen oder mich ein bisschen mit unserem Hausmädchen unterhalten, das kein Englisch spricht. Allerdings kann ich es kaum lesen, geschweige denn lang anhaltende Konversationen führen oder mich über Politik unterhalten. Dazu ist mein Wortschatz zu klein. Ich habe nie wirklich aktiv Kisuaheli gelernt, am Anfang ein bisschen, aber seitdem habe ich mein Vokabular und die Grammatik aus Gesprächen vor allem mit meiner Gastfamilie gelernt.

Würde ich mehr Zeit ins Lernen stecken oder  mir eine/n Lehrer/in suchen, würde ich wahrscheinlich schnell besser werden und könnte mich besser mit den Einheimischen unterhalten. Diese Sprachbarriere ist einer der Gründe, weshalb ich nicht so viel mit Menschen in Kontakt komme. Andererseits spiele ich in einem Verein Volleyball, in dem ich mich mit vielen Leuten gut verstehe. Ich würde mich aber trotzdem mit den wenigsten abends zu einem Drink treffen, dazu reicht es dann doch nicht. Außerdem verpasse ich viele Sachen, vor allem am Anfang des Jahres war das schwierig.

Inzwischen verstehe ich es, wenn nach dem Training ein Spiel angekündigt wird und der Transport zum Spielort geregelt wird. Anfangs musste ich immer auf Englisch nachfragen, was denn jetzt beredet wird. Tat ich das nicht, war ich eben nicht beim Spiel dabei. Andererseits freuen sich die Leute und sind überrascht wenn sie merken dass ich Swahili kann und sogar einen Brocken Kihaya hervorzaubern kann. Das führt dann allerdings meistens dazu, dass sie mich mit einem Schwall Swahili als Hochstapler entlarven. ;)

Das führt mich zu dem nächsten Thema: mein Status als Weißer. Ich bin es gewohnt aufzufallen, dank meiner Köpergröße errege ich in Menschenmengen fast immer Interesse, und das ist hier nicht anders als in Deutschland. Allerdings kommt hier noch dazu, dass ich weiß bin. Das sorgt dafür, dass mir auf der Straße entweder „Torro“ (eine Spielart des englischen „tall“) oder „Muzungu“, also Weißer hinterhergerufen wird. Allerdings ist meine Hautfarbe nicht das eigentliche Problem. Sondern die Gedanken, die die Menschen hier mit dieser verbinden. Muzungu ist gleich reicher, im Luxus schwelgender Mensch. Mein Gastvater sagte mal, dass die Menschen über den Köpfen von Weißen Dollarzeichen sehen. Und das ist ja auch kein Wunder wenn man sieht, was Touristen für Luxusurlaube in Serengeti, Sansibar und co ausgeben.

Diese Gedanken in Verbindung mit meinem andersartigen Aussehen würden meiner Meinung nach dazu führen, dass ich nie als „echter“ Tansanier anerkannt würde, selbst wenn ich fließend Suaheli könnte und einen tansanischen Pass hätte. Und in Deutschland ist es ja nicht anders, sobald ein Mensch mit dunkler Haut in eine neue Gruppe kommt, muss er fast seinen gesamten Familienstammbaum aufzählen damit alle wissen, ob die Eltern und Großeltern aus Togo, Ghana oder Sambia kommen.

Mit dem Weißsein verbunden sind jedoch nicht nur das Fremdsein, sondern auch Privilegien. So wurde ich zu Anfang meines Dienstes zu einer Hochzeit eingeladen, nachdem ich 5 Minuten mit dem Bräutigam gesprochen hatte. Oder im Bus stehen andere Menschen auf, damit ich mich hinsetzen kann. Diese Privilegien dann abzulehnen sorgt hier für Erstaunen, immerhin bin ich ja der Weiße und komme aus einem privilegiertem Umfeld, in dem ich meine Wäsche nicht per Hand waschen musste, sondern sie einfach in die Maschine werfen kann. Und das gebe ich einfach auf, um ein Jahr in Tansania ohne Gehalt zu arbeiten? Das ist für viele Menschen nicht vorstellbar, geschweige denn nachvollziehbar. Auf andere Privilegien möchte ich allerdings auch nicht verzichten. Etwa auf den Heimtransport im schweren Krankheitsfall oder meine Krankenkasse. So sorgen sowohl meine abgelehnten als auch angenommenen Privilegien für Unterschiede zwischen mir und den Einheimischen.                                                                                                                                                                                                                                                      Kommen wir zur Kultur. Zwar sind auch die vorher genannten Themen kultureller Natur, aber es gibt ja auch Sachen wie Hochzeiten, Verhalten in der Familie und Gesellschaftsstrukturen. Diese Dinge liegen unter der Schicht des Alltags und Folgen ungeschriebenen Regeln, von denen ich die meisten nicht kenne, da ich hier nicht aufgewachsen bin oder deren Sinn ich nicht verstehe, weil ich eine andere Sichtweise auf die Dinge habe als die meisten Tansanier. Zum Beispiel kann ich nicht nachvollziehen, dass manche Leute meinen Gastvater von einem Rechtsstreit mit einem Priester abhalten wollten, da dieser nun mal ein Mann Gottes sei. Selbst also wenn ich die Regeln kenne, heißt das nicht dass ich mit ihnen übereinstimme. Das kommt daher, dass ich und unsere Gesellschaft ein anderes Wertesystem haben als die Tansanier, und wahrscheinlich ist es auch hier für jede Ethnie unterschiedlich. Ich bräuchte deutlich mehr Zeit, um alle Aspekte des Lebens hier zu verstehen als ein Jahr.

Letztlich erschwere ich mir die Integration selbst ein wenig. So habe ich hier vor allem deutsche Freunde, die auch Freiwillige sind und mit denen ich mich auf deutsch unterhalten kann. Das macht den ersten Kontakt und die Kommunikation einfacher. Und selbst wenn ich in Deutschland vielleicht nicht mit ihnen befreundet wäre, sorgen die Eindrücke und das „Deutschsein“ für ein Gefühl der Verbundenheit, das ich mit den wenigsten Tansaniern teile. Außerdem ziehe ich mich auch innerhalb meiner Gastfamilie häufiger zurück um meine Ruhe zu haben - sei es vor einem brüllenden Fernseher oder den anstrengenden weil auf Suaheli geführten Unterhaltungen. Ich verfolge kaum tansanische Nachrichten oder die Politik, was es mir bei täglichen Gesprächen erschwert, mitzureden.

So erlebe ich tagtäglich am eigenen Leibe, wie schwierig Integration ist, und welche Hindernisse es gibt. Ich denke ich bin deutlich sensibler geworden und kann besser abschätzen, wie schwierig es ist, sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden. Und ich bin hier freiwillig, nach meinem eigenen Willen. Ich glaube niemand kann sich vorstellen wie schwierig die Integration für Menschen ist, die ihre Heimat verlassen mussten und  die sich jetzt in einer völlig fremden Kultur wiederfinden, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Vielleicht sollten wir also von Flüchtlingen oder insgesamt Fremden nicht erwarten, dass sie innerhalb weniger Monate zu Deutschen werden sondern den Menschen Zeit und Möglichkeiten geben, sich anzupassen und ihnen dabei helfen. Vor allem mit dem Deutschlernen.

 

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