Schiff und Mannschaft haben den Sturm überlebt. So schnell wie er gekommen war, hörte er auf. Die See, eben noch kochend und überschäumend gleicht einem Spiegel, der heulende Wind hat sich gelegt; kein Geräusch ist zu vernehmen. Der eben noch peitschende Regen hat aufgehört. Der erfahrene Kapitän lässt kleinere Schäden sofort beheben und überprüft die Ladung und den Zustand von Segel und Ruder.
Die hinter den Wolken versteckte Sonne wirft ein fahles Licht auf diese unwirkliche Kulisse. Der erfahrene Seebär weiß; es ist die Ruhe vor dem Sturm. Was bisher war, war nur ein erstes Kräftemessen. Der eigentliche Kampf zwischen den Gewalten steht noch bevor.
So oder so ähnlich beschreibt schöngeistige Literatur einen Sturm auf See...
Nach dem politischen Sturm der letzten Wochen über „Griechenland“, „Besteuerung von Börsenaktivitäten“ und einem „750 Mrd. Euro-Sicherheitsschirm“ einschließlich Klage vor dem Bundesverfassungsgericht ist es politisch bedenklich still geworden in und um Berlin. Keine weiterführende politische Diskussion – weder von Regierung noch Opposition. Keine Fragen aus den Reihen der sonst so neugierig hinterfragenden Journalistenzunft. Selbst die Mitteilung, dass Spaniens Kreditwürdigkeit durch eine private Agentur herabgesetzt wurde und somit die Zinsen bei Darlehensaufnahme steigen, bleibt unkommentiert.
Die Kanzlerin besucht – so wie es ihr Gerhard Schröder vorgemacht hat – die von Überschwemmung bedrohten Landschaften entlang der Oder…
Der Nachrichtensender N24 beschränkt sich darauf, ausführlich von Lena und dem Song Contest zu berichten und mitzuteilen, wer als Nr. 1 in der Fußballnationalmannschaft spielt und wer als Mannschaftskapitän ausgeguckt wurde.
Nach Wochen ständiger internationaler Konferenzen und Absprachen ist dieser Zustand gewöhnungsbedürftig. Wer dieser bleiernden Ruhe nicht traut und Zweifel hegt ist gut beraten, in seiner Aufmerksamkeit nicht nachzulassen.
Die Ruhe vor dem Sturm hält nicht lange an – in einer Woche wissen wir alle mehr.
Hartwig Wolterhoff